Pressestimmen
Tretters Traum
Solo-Kabarett im Frankfurter Stalburg Theater
Keine Fragen, keine Lügen! Das ist doch mal eine Ansage im Frankfurter Stalburg Theater. Natürlich ist das dreist gelogen. Denn Fragen stellen sich zuhauf in „Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein“, dem aktuellen Programm des auch mit 39 Jahren noch zu den jungen Wilden des Genres zählenden Kabarettisten. Denn „wer ist ,du'? Was ist ein Freund? Und warum eigentlich nicht?“ Fragen über Fragen also, die unsere analoge Welt erschüttern. Und Tretter nun willkommenen Anlass bieten, in all den „vernetzten Sozialwerken“ gründlich aufzuräumen.
Denn es ist ja etwas dran. Man hat zwar Freunde über Freunde, die man allenfalls vom Hörensagen kennt, doch in einer Kneipe mit ein paar Kumpels mal ein Bier zu trinken erweist sich in der Praxis als reichlich kompliziertes Unterfangen. Trinkt einer gerade keinen Alkohol, will ein anderer mal was Neues ausprobieren oder erst noch etwas essen und ist es zweien ohnehin zu spät. Was also, hat sich Tretter da gedacht, läge näher, als mit den einzig wahren Freunden ein „asoziales Netzwerk“, vulgo: nicht einen virtuellen, sondern ganz altmodisch einen realen Stammtisch einzurichten. Mit Bier und Zigaretten und den zugehörigen Schnapsideen, Hirngespinsten und den ganz normalen Stammtischreden.
Nicht nur, um all das Geraune von den grenzenlosen Möglichkeiten neuer Kommunikationssysteme mit den analogen Mitteln der Brettlkunst genüsslich vorzuführen; oder um, wie es sich im Kabarett nun mal gehört, der politischen Elite und was sich dafür hält, Wutbürgern und Lifestyle-Grünen, Alt- und Alterslinken und nicht zuletzt der medial präsenten „Moralgeriatrie“ samt ihrem Alterspräsidenten Helmut Schmidt satirisch heimzuleuchten. All das gelingt Tretter virtuos. Und das darf man von einem Wortkabarettisten alter Schule, der er trotz seines vergleichsweise jungen Alters ist, denn auch getrost verlangen.
Wegweisend aber ist dieser im Lauf der gut zwei Stunden immer wieder zusammen findende Stammtisch vor allem in formaler Hinsicht. Denn während sich Tretters Kabarett bislang vor allem als hier kalauernder, dort sezierender und mitunter zynischer gestaltete, hat er für sein viertes Soloprogramm mit Ansgar, Rico und Tretter drei Figuren sich erfunden, mit denen er die Möglichkeiten des Politkabaretts dramaturgisch weiterentwickelt. Die stärksten Momente des Abends sind denn auch jene, wenn sich der ewig kiffende Langzeitstudent Ansgar, der sächsische Studienfreund Rico und eben Tretter für ein paar Runden in „Uschi's Bierbutze“ treffen, um mal eben die Revolution anzuleiern.
Dass sich Mittel, Ziele, Wege der drei Kumpels gründlich unterscheiden, versteht sich von selbst. Doch wenn Ansgar „entspannt euch!“ in die Verschwörerrunde ruft, Tretter wie weiland Martin Luther King („Ich habe einen Traum“) pathetisch die Rückkehr zum analogen Leben predigt und schließlich Rico via Facebook nicht nur Merkel, Rösler oder Jesus Kinsky wider Willen an den Reichstag lockt, sondern auch Nazis, Spontis, Anarchisten zur Umsturzparty ruft und alle, alle kommen, ist zwar das Chaos programmiert. Doch komischer als mit derlei revolutionären, die Gesellschaft parodistisch am Stammtisch spiegelnden Reden war Tretters Kabarett wohl nie.
Christoph Schütte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17.11.2011
Das fränkische Es
Mathias Tretter mit seinem neuen Programm „Staatsfeind Nummer 11“ im Frankfurter Stalburg Theater
Es gibt eine Bevölkerungsgruppe, der es in Deutschland tagtäglich schlechter geht, und niemand hat wirklich Mitleid: mit den Spitzenmanagern, denen der Banken zumal. Nur gut, dass sich Mathias Tretter in seinem Powerpoint-Seminar der Humorkompetenz deutscher Führungskräfte annimmt. Tretter schildert die Sache derart plastisch, dass man fast geneigt ist, ihm zu glauben. Zumal er, mittlerweile auch schon 36, aus der Generation stammt, der man bei der Berufsberatung stets zu einem Wirtschaftsstudium geraten hat – egal ob man Förster, Pfarrer oder doch Manager werden wollte. Dass die Herren aus den Führungsetagen in der Rangliste der Gefahren zum „Staatsfeind Nummer 11“ avancierten, hat sich Tretter vermutlich vor der Finanzkrise ausgedacht.
Aber Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen. Im Frankfurter Stalburg Theater hat Tretter 2004 angefangen, mit „Nachgetrettert!“ einen satirischen Monatsrückblick zu geben, mittlerweile hat er, von all den jungen Kleinkünstlern, die das Stalburg Theater ganz besonders pflegt, wohl die steilste Karriere gemacht, tourt mit seinen Programmen und legt nach „Nachgetrettert!“ mittlerweile im Hessischen Rundfunk jeden Sonntag einen Wochenrückblick hin. Für so rasches Reagieren braucht es eine große Begabung und ordentlich Esprit. Dass Tretter beides hat, beweist er mit seinem neuen Solo, das nun regelmäßig in der Stalburg zu sehen sei wird. Die Passage, in der Passant Tretter am Frankfurter Hauptbahnhof einem "Haste-mal-n-Euro"-Ex-Investmentbanker einen Monolog über Eigeninitiative, Soft Skills, Ehrgeiz und die Schädlichkeit sozialer Netze hält, hat sich gewaschen. Ein Kuscheltier ist Tretter nun wahrlich nicht.
Der auch in seinem Auftreten ein wenig kantig wirkende Würzburger, der mittlerweile in Leipzig wohnt, was für allerhand Witze gut ist („Wie geht Ihre Familie damit um?“), kennt die Slogans und Parolen der Politiker, der Wirtschaft und natürlich auch den weichgespülten Diskurs der um das Jahr 1970 geborenen Postpostachtundsechziger, denen er mit der Figur des ewig bekifften WG-Genossen Ansgar ein unvergleichliches Denkmal setzt. Ansgar haut sozusagen seine Intelligenz auf den Kopf, während andernorts die Elitefrage über das Soft Skill des korrekten Austernverzehrens verhandelt wird und die Bundeskanzlerin zur Bildungsreise in eigens aufgehübschte Kindergärten antritt. Tretter macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht, und haut tüchtig rein, und das auch mit kräftiger Selbstironie. Einfach großartig gelingt ihm etwa der Dialog seines – in kernigem Fränkisch polternden – Es mit einem hochdeutsch parlierenden Gutmenschen Über-Ich. Tretter pflegt souverän das traditionelle Kabarett-Mittel, große Bögen zu schlagen, es ist mehr als ein „Soft Skill“, die Schlüsselbegriffe immer wieder in neuen Facetten auftauchen zu lassen. Andere Stilmittel, wie die plötzliche Umkehrung ins Gegenteil, wiederholen sich nicht nur in diesem Programm. Sie treffen trotzdem, das Publikum geht bei jeder Pointe mit. So kann man auch an trüben Zeiten seine helle Freude haben.
Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.10.2008
Die Kunst der Stunde
Mathias Tretter in der Lach- und Schießgesellschaft
Mathias Tretter, als Germanist mit einem beachtlichen Wortschatz und einem Hang zu Kalauern begabt, zerteilt auf höchstem Informationsniveau knallharte Tiefschläge an die glühendsten Vertreter der Globalisierungspopanz. Das ist Politkabarett der alten Schule, perfekt nachempfunden und nachgestaltet in der Dramaturgie und der Formulierungslust der legendären Lach- und Schießgesellschafter. Nur Geschmacklosigkeiten und Tabubrüche wie: Die Drecksarbeit müssen wie immer in Amerika die Neger machen, lassen stutzen. Einer wie er, der mit raffiniert gezügelter Anmache sein Publikum an der kurzen Leine zu führen versteht, dem passieren solche Einbrüche nicht, dass muss Kalkül sein. Da reizt einer, der mit Dialogen zwischen ich und ich in Richard Roglers Manier auch den Sauhund in sich zu Wort kommen lässt, sein opportunistisches Provokationspotential aus, lässt da schon durchblicken, wo der „Staatsfeind Nr. 11“ zu suchen und zu finden sei.
Ein raffiniertes Stück also. Tretter treibt als Politclown locker Scherz, weil nach eigenem Bekunden klar ist: Das Kabarett ist die Kunst der Stunde. Und flüchtet sich dann doch in die Situationskomik, in Parodien und Anekdotisches etwa vom Witzemacher Tretter, der, Soft Skill ist angesagt, den gefallenen Managern Nachilfeunterricht in Sachen Humor zu geben hat. Diese Geschichtchen ziehen sich gelegentlich in die Länge, sind aber Teil seiner Strategie der radikalen Dekouvrierung. Denn im zweiten Teil lässt Tretter einen Manager, der seinen Humorkurs überstanden hat, die Weltläufe reflektieren. Das führt schnell in den Sumpf der Schmuddelmachowitze, also zu der Einsicht, dass Kabarettisten nichts bewirken, sondern (durch Honorare bestechlicher) Teil des ganzen „Spiels“ sind. Die totale Desillusionierung: Das Politkabarett lebt, ist mausetot und doch höchst vergnüglich. Dennoch: Keine Depression zum Schluss.
Thomas Thieringer in der Süddeutschen Zeitung vom 16.01.2009
Weitere Pressestimmen
Spontifex im Porzellanladen: „Nachgetrettert“, so der Titel von Tretters satirischem Jahresrückblick, das ist klassisches Wortkabarett, polemisch, böse und, gerade wie es sich gehört für einen jungen Kabarettisten alter Schule, stets glänzend recherchiert.
FAZ
Es gibt kein politisches Kabarett mehr nach Dieter Hildebrandt, dacht man noch bis vor kurzem. Doch inzwischen hat Mathias Tretter die Bühnen dieses Landes betreten und eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Unter dem Deckmantel des vermeintlich harmlosen Intellektuellen legt Tretter los und zeigt sarkastisches und bitterböses Kabarett. Mit Sprachwitz, Tempo und einem zweckmäßigen Mangel an gutem Geschmack lässt er nach über zwei Stunden ein sichtlich geläutertes Publikum zurück.
Bonner General-Anzeiger
Großartig! Einfach großartig! Da steht in der „Neuen Welt“ ein junger Mann auf der Bühne und präsentiert ein Kabarettprogramm, das äußerst kurzweilig, durchwegs amüsant und zudem vorwiegend politisch ist. Mathias Tretter schafft es, Themen, die man sonst in den Nachrichten fast schon nicht mehr hören kann, so aufzubereiten, dass es nicht nur lustig, sondern auch informativ ist. Jedes dieser Themen ist akribisch recherchiert, Zahlen und Fakten mischen sich mit Fantasie und schauspielerischem Talent zu einem bunten Strauß voll hintersinnigen Humors. Mathias Tretter ist ein Meister der Assoziationsketten, ohne je langweilig zu werden. Einfach herrlich, wenn er zwischendurch in die Rolle des Klaus Kinski schlüpft, als vergeistigter Gedichtevorträger oder schizoider Quizmaster. Es lebe das junge politische Kabarett!
Donau Kurier
Tretter zeigt, dass sich seine Generation, die heutigen „Mittdreißiger“, nicht ausschließlich für schicke Straßencafés und „Freiluft-Capuccinos“ interessiert. Nein, einige interessieren sich auch für Politik, Kultur und das aktuelle Geschehen. Tretter als Repräsentant dieser Minderheit, pustet einen frischen Wind ins Genre des politischen Kabaretts. Er beklagt sich nicht ständig über die fürchterliche Lage der Nation, er ermahnt das Publikum nicht dauernd zur Besserung, er schmückt die nackten Tatsachen einfach anschaulich aus und vermittelt somit gekonnt, wie seine Generation heutzutage über Politik nachdenkt.
Erlanger Nachrichten
Gallig-giftiges Gummibärchen: Politisches Kabarett von der ersten Minute, Tretter sucht gar nicht den Einstieg über Klamauk. Die Beiläufigkeit, mit der er seine Gemeinheiten anbringt, verrät nicht nur sprachlich hohes Niveau und präzise Analyse. Beifall für einen ausgezeichneten Kabarettisten, dessen Süßigkeiten in Berlin zum politischen Dessert gehören sollten.
Göttinger Tageblatt
Mit scharfer Zunge und ordentlich Zynismus: Mathias Tretter versteht es eine Dynamik in sein Kabarett zu bringen. Er setzt bei seinem Publikum nicht zwingend voraus, dass jeder das politische Zeitgeschehen bis ins Detail genau kennen muss, um seine Pointen zu verstehen. Geschickt schwenkt er immer wieder in den Alltag hinüber. So fordert er einerseits den Intellekt seiner Gäste heraus und setzt andererseits zur Entspannung leichte Kost dazwischen. Alles mit gehörig scharfer Zunge und ordentlichem Zynismus.
Passauer Scharfrichterhaus
Wer Mathias Tretter kennt, weiß: Wenn der Kabarettist aus Würzburg seine Spitzen unter das Volk verteilt, kündigt er das oft mit ganz speziellen Gesten an. Mal spielt er gönnerhaft Politiker, mal den tumben Durchschnittsbürger und mal den fiesen Drecksack, der alles und jeden mit seinem blankgeputzten Florett attackiert. Tretter ist aggressiv und immer auf dem Sprunge, und die Qualität seiner Kleinkunst wird zunehmend feiner und verblüffender.
Main-Echo
Wenn einer richtig nachdenkt: Man gebe ihm eine ganz alltägliche Meldung der Deutschen Presseagentur und warte darauf, was dabei heraus kommt. Dann bleibt uns nur zu staunen, welche Vermutungen, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen dieser junge Kabarettist aus solchen Banalitäten des bundesdeutschen Alltags zieht. Mathias Tretter hat eben seine ganz eigene Art, die Dinge zu sehen.
Odenwälder Echo
Tretter ist den Politkabarett-Größen sehr dicht auf den Fersen. Am Puls der Zeit die Themen. Tempo geladen und auf sprachlich hohem Niveau wiedergegeben. Tretter fackelt nicht lange. Verpackt Satirisches nicht zwischen den Zeilen. Ein vielseitiger Kabarettist. Begabt, wortgewandt, respektlos.
Der Neue Tag
